Tommy
(geboren ca: 1992 - 27.05.2010)









So kamen wir zu Tommy:

Anfang Winter 2000, wenige Monate vor Weihnachten hatten wir beschlossen, einer weiteren - und zwar behinderten - Katze ein Zuhause zu geben. Trotz intensiver Bemühungen bot sich in unserem näheren Umfeld jedoch kein Notfall an. Ein beruhigender Gedanke.

Wenige Tage danach richteten wir unseren Internet-Zugang ein. Keine Frage, dass ich mit dem Suchwort "Katzen" in das mir bisher noch unbekannte Internet stolperte - und hierauf auch unendlich viele Tierheim- und Tierschutzadressen - u.a. das Tierheim Olpe - angezeigt bekam. Neben vielen süßen Katzen wurde Tommy als dringender Notfall vorgestellt. Nicht behandelte Unfallfolgen haben zur Amputation des li. Hinterbeines geführt. Nun wurde für ihn dringend ein Zuhause gesucht. Ich rief sofort im Tierheim Olpe an. Da wir von unserem Wohnort aus ca. eine Stunde Fahrtzeit bis Olpe benötigten - und die Straßenverhältnisse um diese Jahreszeit nicht immer sicher einzuschätzen waren -, vereinbarten wir vorsorglich einen Termin. Am 23.12.2000 machten wir uns auf den Weg.


Im Tierheim:
Nie werden Gerd und ich den Moment vergessen, als wir Tommy das erste mal sahen. Bei dem Gedanken an das jämmerlich dünne, kleine schwarzweiße Fellbündel kann ich die Tränen heute noch nicht zurück halten. Wir waren wie erstarrt. Seine schönen grünen Augen, mit dem - wie ich es nenne - "hintergründigen Katerblick" - ließen uns nicht mehr los. Als er dann aber auch noch mit einer winzigen Stimme "Hallo" zu sagen schien, waren wir uns zu 200 Prozent sicher: Tommy kommt mit uns (wir hätten ihn so oder so auf keinen Fall im Tierheim zurück gelassen)!

Tommys Vorgeschichte kann man mit Sicherheit als ein abwechslungsreiches Katerleben bezeichnen. Dafür sprechen die vielen Kerben entlang der beiden Ohren. Ansonsten gehen wir davon aus, dass er nicht immer die besten Erfahrungen gemacht hat. Als Tierfreunde auf ihn aufmerksam wurden, befand er sich in einem schlimmen Zustand. Die unbehandelt gebliebene Fraktur war falsch zusammen gewachsen. Infolge der Behinderung und Schmerzen konnte er sich nicht ausreichend ernähren. Jede Maus war zu dieser Zeit wahrscheinlich schneller als er. Außerdem hatte er ein paar Zähne und einen Fangzahn eingebüßt. Handelte es sich wirklich eine Unfallfolge? Unsere späteren Beobachtungen ließen uns zu einer anderen Vermutung kommen.

Im Tierheim wurde Tommy mehrmals eingehend ärztlich untersucht. Das bittere Ergebnis war, dass nur eine Amputation Tommy von seinen Schmerzen befreien würde. Er wurde damals auf acht bis neun Jahre geschätzt. Dieser Eingriff bedeutete für Tommy schon aufgrund seines Alters eine sehr große Umstellung.

Zu Hause:

Wie erwartet wählte Tommy zu Hause einen ruhigen Ort im Erdgeschoß. Von hier aus konnte er alle Räume bzw. Etagen wann immer er wollte erkunden. Es war verständlich, dass er zunächst nur Ruhe, Sicherheit und einen gefüllten Magen wollte. Aber da gab es noch etwas: schmusen, schmusen und noch mal schmusen. Lange Zeit war das nur mir gestattet. Weiter war Hilfe bei der Fellpflege der li. Seite erforderlich. Es berührt uns heute noch zu sehen, wie der verbliebene Teil des Beines - dieser schließt knapp über der Bauchhöhe ab - bemüht ist, die Fellpflege zu übernehmen.

Tommy verhielt sich mir gegenüber von Anfang an sehr zutraulich; bei "männlichen Zweibeinern" reagierte er zum Leidwesen von Gerd jedoch sofort mit Panik. Auffällig war weiter, dass er bei schnellen Schritten, raschen Bewegungen mit der Hand - vor allem, wenn diese sich von oben seinem Kopf zu nähern schien - ebenfalls in Panik geriet. Er ergriff jedes mal die Flucht und weinte angstvoll auf. Mit der Zeit haben wir gelernt, uns in seinem Umfeld behutsam zu bewegen - oder uns anzukündigen, in dem wir ihn beim Namen rufen. Sollte dies alles aber aus Eile mal vergessen werden, ist die alte Reaktion wieder da. Wir gehen inzwischen davon aus, dass Tommy mißhandelt wurde; männliche Zweibeiner, die er wenig oder nicht kennt, lösen heute noch Panik bei ihm aus.



Gerd konnte inzwischen mit Ausdauer und Liebe Tommys Vertrauen erwerben.




Es dauerte ca. drei Monate, bis Tommy sein selbst gewähltes Exil eines Abends verließ und durch die Katzenklappe zu uns in den eigentlichen Wohnbereich kam. Auch diesen Abend werden wir nicht vergessen. Wir befanden uns alle im Wohnzimmer, unsere Katzen Tim, Micki, Speddy, Moritz, Feli, Gerd und ich. Einer jener Winterabende, der einem so richtig zufrieden die Ruhe und Sicherheit der Wohnung in ihrer Wärme genießen läßt. Die Katzen lagen schlafend oder dösend um uns herum, als sich plötzlich fünf Paar Ohren in Richtung Wohnungstür drehten. Bis dahin hatten mein Mann und ich noch nichts mitbekommen. Es bestand kein Zweifel; jemand war an der Katzenklappe. Diesmal fehlte nur das schnelle geübte Zuklappen. Es dauerte eine Weile, bis Tommy die Katzenklappe bewältigt hatte. Wir blieben still sitzen, warteten ab.

Kurz darauf stand er im Wohnzimmer, große tiefgrüne Augen sagten Hallo, untermalt durch einen kleinen hellen Laut, der sich wie ein zaghaftes Miau anhörte.

Seit diesem Abend verließ Tommy das Wohnzimmer nur zur Fütterungszeit oder für den Gang zum Katzenklo. Die Welt "draußen" schien ihn nicht mehr zu interessieren. Er saß am liebsten auf einem bestimmten Stuhl am Eßtisch. Hier nahm er auch seine Streicheleinheiten entgegen. Natürlich hatten wir dafür Verständnis, dass Tommy erst seine Vergangenheit aufarbeiten - und wieder grundsätzliches Vertrauen aufbauen mußte. Dass er nun mit uns allen zusammen sein wollte, war ein großer Schritt nach vorne.

Anfang des Jahres stellten wir bei ihm einen kleinen Nabelbruch fest - der im Frühjahr dieses Jahres operativ entfernt wurde. Nur wenige Tage danach trat für uns so etwas wie ein kleines Wunder ein:

Tommy, der offensichtlich nur an seinem Futter und unseren Streicheleinheiten interessiert war, verließ seinen Stuhl und nahm den Weg zu uns in die Sitzecke, setzte sich vor mich hin - und da war er wieder, dieser hintergründige Katerblick in seinen tiefgrünen Augen.


Heute, ein halbes Jahr später ist das alles kein Thema mehr, Tommy schläft auf der Couch, im Sessel oder einfach auf dem Teppich. Nur die letzte Etage in unserem Haus hat er sich noch aufgehoben. Dafür besucht er hier und da mal den Hof, hier hält er sich am liebsten alleine auf. Die anderen Katzen haben inzwischen begriffen, dass Tommy seine Ruhe haben will.

Eine Ausnahme gibt es allerdings:
wenn der Eindruck entsteht, es könne sich eine Rauferei unter den anderen anbahnen, beeilt er sich sehr, an den Platz des vermeintlichen Geschehens zu kommen. Unwillkürlich kommt einem dann der Gedanke: na sieh mal an - und ich höre ihn schon rufen ........ laßt mir einen Römer übrig!!!

Zusammengefaßt: Obwohl Tommy uns von Anfang an zugetan war, benötigte er doch weit über ein Jahr, um uns so zu vertrauen, wie es heute ist. Wir haben mal wieder dazu gelernt. Danke Tommy!
















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zuletzt aktualisiert am 26.08.2012