Der perfekte Vierbeiner



    Sobald ein neuer Hund unser Tierheim betritt, wird seine Karteikarte eröffnet, seine Herkunft eingetragen, er wird gewogen, gemessen - letzteres besonders im Hinblick auf die Vermittlungen nach Deutschland von äußerster Wichtigkeit - siehe die 40 cm Grenze, die für NRW den Maßstab für Leinenzwang oder "Narrenfreiheit" darstellt.

    Nach dem obligatorischen Tierarztbesuch, dem Leishmaniosetest und der ungefähren Altersbestimmung wird der Hund fotografiert, wobei darauf zu achten ist, dass der melancholische Blick dem Betrachter besonders ins Auge fällt. Das bereitet einem guten Fotografen meist keine Probleme, da die Neuankömmlinge meist verängstigt, gar verstört sind.

    Hat der Hund jetzt auch noch ein besonders trauriges Schicksal hinter sich, oder ist er gar ein lebendiges Wrack, steigen seine Vermittlungschancen ins Unendliche, hingegen lockt ein kraftstrotzender Riese nur wenige Interessenten an.

    Seit dem 1. Juni 2002 können wir schwanz -und ohrenkupierte Tiere direkt von der Liste der Vierbeiner streichen, die in der schönen Schweiz ein neues Zuhause suchen. Das neue Einfuhrverbot schiebt diesen Hunden einen Riegel vor.

    Nach dem Fotografieren wird es ernst. Jetzt beginnen die Prüfungen: Katzenfreundlichkeit, sein Verhalten Artgenossen gegenüber, entwickelter Jagdinstinkt - alles wird geprüft, getestet, erforscht - zurück bleibt ein Hund, dessen Wesen nackt vor uns liegt. Sollte er dann auch noch Pferde mögen, eventuell mit Kaninchen auf "Du und Du stehen", hat er reelle Chancen, unser Tierheim schnell wieder verlassen zu können.

    Gesucht wird die Perfektion, das problemlose Anpassen in eine bereits vorhandenen Struktur. Verständlich, aber nicht gerecht. Wo bleibt die Liebe auf den ersten Blick, der "coup de foudre" der Franzosen?

    Samtpfoten haben es da wesentlich leichter. Sie brauchen keine Prüfungen abzulegen, sie unterliegen keiner Größenordnung, sie sind entweder scheu oder Schmusekatzen. Sie können einfach sie selbst sein - beneidenswerte Kreaturen, denen es genehmigt wird, sich grenzenlos, bedingungslos in die Herzen der Menschen zu schleichen.

    Suchen wir in unserem Vierbeiner nicht den Freund, den Kumpel fürs Leben? Sind unsere Partner mit an die Vollkommenheit grenzende Lebewesen, die wir nach einem langen Fragebogen und gewissenhaftem Studium seines Charakters ausgesucht haben - oder ist es vielmehr das besondere Gefühl im Bauch, das uns sagt: Das ist der Partner für mein Leben?!

    Natürlich sollten wir uns an bestimmte Regeln halten. Wer würde schon seiner Großmutter raten, einen Mann im Alter ihres Enkels zu heiraten? In einer Familie, wo Katzen leben, sollte unbedingt auf Katzenverträglichkeit geachtet werden. Aber einem Hund nicht die Tür zu seinem neuen Leben zu öffnen, weil er keine Katzen mag, und Nachbars Katze schon mal am Küchenfenster vorbeischleicht, das geht doch wohl zu weit.

    Eine Partnerschaft setzt das Einstellen auf den Anderen voraus und fordert Geduld und Toleranz. Nicht alles kann vorhergesehen, geplant, ausgeschaltet werden. Einen perfekten Hund gibt es eben nur als Plüschtier.

    Verfasst von: Heidi Straub (Tierheim Manresa)

    Manresa, den 03.06.2002
    © Heidi Straub







    Königin für einen Tag



    Jedesmal, wenn ein Tier aus dem Tierheim Manresa reserviert wird, sei es zur Vermittlung oder auch nur, weil es kastriert werden soll, kommt uns eine vor Jahren bekannte spanische Fernsehsendung in den Sinn: "Königin für einen Tag".

    Bei dieser TV-Sendung wurde nach einer langwierigen Auswahl eine der weiblichen Teilnehmer aus einer Vielzahl hübscher Damen ausgesucht, zur Königin gewählt und dann einen Tag lang wie ein gekröntes Oberhaupt behandelt.

    Im Tierheim Manresa sind die Ankömmlinge Fundtiere, Abgabetiere, Tiere aus der Auffangstation, die einen Namen bekommen, fotografiert, tierärztlich untersucht und behandelt werden, um dann in die bereits vorhandenen Tiere eingefügt zu werden, wenn sie nicht an einer Krankheit oder Verletzung leiden, die Isolation für sie bedeuten würde. Irgendwann haben sie einen Kastrationstermin, der für die männlichen Tiere des Tierheims ohne große Sonderbehandlung vonstatten geht, da sie weiterhin draußen bleiben können. Anders bei den weiblichen Tieren, besonders bei den Hündinnen. Aus der Tierklinik zurückgekehrt, kommen sie ins "Haus", wo sie gehegt, gepflegt und sogar ein wenig verwöhnt werden. Sie laufen im Büro herum, werden ausgeführt, stehen also zehn Tage lang bis zum Fädenziehen im Mittelpunkt. Das ermöglicht den Pflegern und Besuchern, dieses Tier besser kennenzulernen: seine Eigenheiten, Vorlieben usw. Dieses "Im-Haus-zu-sein" behalten alle Hunde in Erinnerung und sogar noch Monate später zieht es sie dorthin zurück.

    "Königin für einen Tag" aber sind sie erst, wenn die Vermittlung feststeht, die Vorkontrolle also gelaufen ist, der Flug gebucht und alle Vorbereitungen abgeschlossen sind. Am Tag vor der großen Reise wird gebadet, Ohren gesäubert, das schönste Halsband ausgesucht und Sie können es glauben: Der Vierbeiner weiß es, er genießt dieses "Im-Mittelpunkt-stehen", er blüht zusehends auf, er geht nicht, er schwebt, seine Bewegungen sind eleganter, die Augen leuchten – so wenigstens erscheint es dem Beobachter. Kein Wunder, daß sich das Flughafenpersonal bewundernd auf die vierbeinigen Fluggäste stürzt – sind sie doch ausgewählte, besonders schöne Tiere.

    Aber das sind die Gewinner – und die Verlierer? Zurück bleiben sie in der Anonymität, eine Zahl, ein Name, einer unter vielen, wie Sträflinge im Gefängnis.

    Gewiß werden sie versorgt, ab und zu gebadet, manchmal ausgeführt, aber sie gehören nicht zu den Auserwählten, denen nach der "Krönung" ein neues Leben in Liebe und Freiheit beschert ist. Sie bleiben weiterhin ein Teil der so gut wie möglich untergebrachten vierbeinigen Masse.

    Denken Sie doch bitte einmal darüber nach, daß, wenn Sie einem Tier aus einem Tierheim eine Chance geben, Sie nicht nur einen Freund fürs Leben gewinnen – Sie entreißen diesen Vierbeiner der grauen Masse und öffnen ihm das Tor, durch das er "königlich" in die Freiheit schreitet.

    Verfasst von: Heidi Straub (Tierheim Manresa)
    und mit ihrer freundlichen Genehmigung hier wiedergegeben
    © Heidi Straub






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    zuletzt aktualisiert am 29.08.2011